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Denken/mandanten-Reihe/№ 03

Was Mandant:innen brauchen, Teil 3: Das Schlimmste ist das Warten

Ein Experiment am University College London hat gezeigt, dass Ungewissheit mehr Stress macht als ein sicherer Schmerz. Ein Mandat besteht überwiegend aus Warten — und für die Kanzlei ist genau diese Zeit leer.

Erschienen24. September 2026
AutorMarcus Greinke
Lesezeit5 Minuten
Reihemandanten · 3 / 5

Freitag, 16:40 Uhr

Freitagnachmittag. Eine Mieterin bekommt eine kurze Mail aus der Kanzlei: »Wir haben heute den Widerspruch an Ihre Hausverwaltung geschickt. Wir melden uns, sobald es Neuigkeiten gibt.«

Für den Anwalt ist der Fall damit für die nächsten Wochen erledigt. Der Brief ist raus, jetzt ist die Gegenseite dran. Ein guter Freitag.

Für die Mieterin fängt jetzt etwas an.

Am Samstagmorgen fragt sie sich, ob die Hausverwaltung den Brief schon hat. Am Samstagabend, ob sie wütend sein wird. Am Sonntag liest sie in einem Forum von einem Vermieter, der nach einem Widerspruch plötzlich Eigenbedarf angemeldet hat. Am Montag schaut sie jedes Mal in den Briefkasten, wenn sie das Haus verlässt. Am Dienstag überlegt sie, in der Kanzlei anzurufen, und lässt es, weil sie nicht lästig sein will. Am Mittwoch hat sie zweimal schlecht geschlafen.

Passiert ist in dieser Zeit: nichts. Genau das ist das Problem.

Steine und Schlangen

2016 haben Forscher am University College London ein Experiment veröffentlicht, das man kennen sollte, wenn man mit Menschen in Not arbeitet.

45 Versuchspersonen spielten ein Computerspiel. Sie drehten Steine um, unter denen sich eine Schlange verstecken konnte. Lag unter dem Stein eine Schlange, bekamen sie einen leichten, aber schmerzhaften Stromschlag an der Hand. Mit der Zeit lernten sie, unter welchen Steinen eher eine Schlange lag. Aber die Wahrscheinlichkeiten änderten sich immer wieder.

Während des Spiels maßen die Forscher den Stress: über Schweiß auf der Haut, über die Weitung der Pupillen und über die eigene Einschätzung der Teilnehmenden.

Das Ergebnis ist verblüffend klar. Am entspanntesten waren die Menschen, wenn sie sicher wussten, dass kein Schlag kommt. Fast genauso entspannt waren sie, wenn sie sicher wussten, dass einer kommt. Am größten war der Stress bei einer Wahrscheinlichkeit von fünfzig Prozent.

Der Schmerz selbst war nicht das Schlimmste. Das Nicht-Wissen war es.

Warten ist schlimmer als die Diagnose

Man könnte sagen: Das ist ein Laborexperiment mit Stromschlägen. Im echten Leben ist das anders.

Die Medizin hat es im echten Leben untersucht. An der Harvard Medical School begleiteten Forscher um die Radiologin Elvira Lang Frauen nach einer Brustbiopsie, also in den Tagen zwischen der Gewebeentnahme und dem Befund. Sie maßen viermal täglich das Stresshormon Cortisol im Speichel.

Bei den Frauen, die noch auf ihr Ergebnis warteten, war das Cortisol-Profil deutlich gestört. So deutlich, dass es kaum von dem der Frauen zu unterscheiden war, die bereits erfahren hatten, dass sie Krebs haben. Die Frauen mit gutartigem Befund dagegen waren deutlich entspannter.

In einer zweiten Untersuchung verglich dieselbe Forscherin Frauen, die auf eine Biopsie warteten, mit Frauen, die auf eine Krebsbehandlung warteten. Die Frauen vor der Biopsie waren ängstlicher. Ängstlicher als Frauen, die bereits wussten, dass sie Krebs haben, und auf ihre Therapie warteten.

»Wer eine schlechte Nachricht kennt, kann anfangen, damit umzugehen. Wer wartet, kann nur warten.«

Ein Mandat besteht vor allem aus Warten

Jetzt legt diese Erkenntnis einmal über ein ganz normales Mandat.

Die Gegenseite hat vier Wochen Zeit zu antworten. Das Gericht terminiert in drei Monaten. Die Hausverwaltung reagiert nicht. Der Unterhaltsschuldner zahlt vielleicht, vielleicht nicht. Die eigentliche juristische Arbeit dauert ein paar Stunden. Die Zeit dazwischen dauert Wochen oder Monate.

Für die Kanzlei ist diese Zeit leer. Man wartet auf die Gegenseite, und es gibt nichts zu tun.

Für die Mandantin ist diese Zeit das Mandat. Sie erlebt eure Arbeit zum größten Teil als Warten. Und jeder Tag ohne Nachricht ist für sie ein umgedrehter Stein mit fünfzig Prozent Schlange.

Was der sorgenvolle Kopf im Warten tut

Ein Kopf, der nicht weiß, was kommt, hört nicht auf zu denken. Er füllt die Lücke. Und er füllt sie nicht mit dem wahrscheinlichsten Ausgang, sondern mit dem schlimmsten.

Das ist keine Schwäche und keine Hysterie. Das UCL-Experiment hat auch etwas anderes gezeigt: Die Teilnehmenden, deren Stress am genauesten der Ungewissheit folgte, konnten am besten vorhersagen, wo die Schlangen lagen. Stress ist die Art, wie das Gehirn Risiken bearbeitet. Wer Angst hat, arbeitet.

Deshalb hilft »Machen Sie sich keine Sorgen« so wenig. Der Satz nimmt dem Kopf seine Arbeit nicht ab, er verbietet sie ihm nur. Was hilft, ist etwas anderes: Information, die die Ungewissheit tatsächlich kleiner macht.

Den Ausgang kennt ihr nicht. Den Weg schon.

Hier kommt der Einwand jeder erfahrenen Anwältin: Ich kann der Mandantin nicht sagen, wie es ausgeht. Ich weiß es selbst nicht.

Das stimmt. Den Ausgang kann niemand versprechen. Aber Ungewissheit ist nicht nur eine Frage des Ausgangs. Ein großer Teil davon betrifft den Weg. Und den kennt ihr sehr genau, weil ihr ihn hundertmal gegangen seid.

Drei Arten von Ungewissheit könnt ihr einer Mandantin abnehmen, ohne irgendetwas über den Ausgang zu versprechen:

Wann. »Die Hausverwaltung hat bis zum 14. November Zeit zu antworten. Vorher werden Sie von dort wahrscheinlich nichts hören.« Damit wird aus einem offenen Warten ein Warten mit Ende.

Was normal ist. »Dass sich drei Wochen lang nichts tut, ist völlig normal. Es heißt nicht, dass etwas schiefläuft.« Damit wird aus der Stille kein Zeichen mehr.

Was schlimmstenfalls passiert. Den schlimmsten Fall auszusprechen, kostet Überwindung. Aber der Kopf denkt ihn ohnehin, und er malt ihn sich größer aus, als er ist. »Im ungünstigsten Fall müssen Sie die Erhöhung zahlen. Die Wohnung verlieren Sie dadurch nicht.« Ein benannter schlimmster Fall ist fast immer kleiner als ein unbenannter.

Keiner dieser Sätze verspricht einen Ausgang. Aber jeder macht aus einem Stein mit fünfzig Prozent Schlange einen Stein, von dem man weiß, was darunter liegt.

Der Satz, der alles schlimmer macht

Und damit zu dem Satz, mit dem die Mail am Freitag endete: »Wir melden uns, sobald es Neuigkeiten gibt.«

Für den Anwalt ist das ein Versprechen. Für die Mandantin ist es der Anfang einer Ungewissheit ohne Ende. Denn sie weiß nicht, wann es Neuigkeiten geben wird. Sie weiß nicht, ob Stille gut oder schlecht ist. Und sie weiß nicht, ob sie selbst in der Zwischenzeit etwas tun muss.

Dieselbe Mail, mit drei Sätzen mehr:

»Wir haben heute den Widerspruch an Ihre Hausverwaltung geschickt. Sie hat bis zum 14. November Zeit zu reagieren, vorher hören Sie von dort wahrscheinlich nichts, und das ist normal. Kündigen kann Ihnen die Vermieterin deswegen nicht. Sie müssen bis dahin nichts tun. Wir melden uns spätestens am 15. November, auch wenn es dann noch nichts Neues gibt.«

Gleicher Fall, gleiche Arbeit, gleicher Ausgang. Aber diese Mieterin verbringt ihr Wochenende nicht in Foren.

Eine Übung für diese Woche

Nehmt euren häufigsten Mandatstyp: die Mieterhöhung, die Kündigungsschutzklage, den Trennungsunterhalt. Und schreibt dafür einen Fahrplan auf, nicht länger als eine Seite.

Welche Schritte gibt es? Wie lange dauert jeder Schritt üblicherweise? Was muss die Mandantin bei jedem Schritt tun, und was nicht? Und vor allem: Wo gibt es Phasen, in denen lange nichts passiert, und warum ist das normal?

Schickt diesen Fahrplan ab sofort jeder neuen Mandantin am ersten Tag. Ihr schreibt ihn einmal und verwendet ihn hundertmal. Und ihr nehmt damit jeder einzelnen Mandantin Wochen von Ungewissheit ab.

Das Warten gehört auch zum Mandat

Kanzleien messen ihre Arbeit an dem, was sie tun: Schriftsätze, Termine, Verhandlungen. Mandant:innen erleben vor allem das, was dazwischen liegt.

Wer das Warten mitgestaltet, statt es der Mandantin zu überlassen, verändert ihr ganzes Erleben des Mandats. Nicht durch mehr Arbeit, sondern durch drei Sätze zur richtigen Zeit.

Marcus Greinke ist Mitgründer von Mila, der KI-Plattform für Mietrechtskanzleien. Diese Reihe entsteht aus Gesprächen mit Mietrechtsanwält:innen, die sich fragen, was als Nächstes kommt.
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№ 03 · Denken
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